Rheinischer Kurier - Wiesbadener Zeitung - Neueste Nachrichten
Mittwoch, 7. September 1932
Ein Besuch auf dem Asteroiden "Wisibada"
Wiesbaden hat einen Stern eingemeindet
Die Stadt Wiesbaden hat 1927 die Patenstelle bei der Taufe eines neu entdeckten Sterns
aus der Gruppe der Asteroiden übernommen. Der Stern heißt demnach "Wisibada", das ist die
alte Bezeichnung Wiesbadens. Die Asteroiden sind die kleinen Planeten in der Zone, die
durch die Bahnen des Mars und des Jupiters um die Sonne gebildet wird. Die meisten sind
so klein, daß sie erst mit den modernen Hilfsmitteln der Astronomie haben festgestellt
werden können. Heute sind insgesamt etwa 1200 bekannt, wahrscheinlich aber gibt es noch
viel mehr; man wird sie niemals alle entdecken können, weil ihrer Größe nach unten keine
Grenze gesetzt ist; bis zu kleinen Sternsplitterchen hinunter streifen sie um die Sonne.
Ob sie Trümmer eines zerstörten Weltkörpers sind, läßt sich nicht nachweisen. Viele
tausend von ihnen würden erst einen Planeten von der Größe der Erde ausmachen. Die bis
jetzt bekannten Asteroiden sind erst etwa ein Zehntel der Quantität der Erde.
Da ihrer so viele sind, wurde es schwer, Namen für sie zu finden. Daher bürgerte sich die
Sitte ein, sie nach Städten zu benennen. Nach Abschaffung der ordensspendenden Monarchie
würde es sich vielleicht empfehlen, verdienten Männern einen richtig gehenden Stern vom
Himmel zu verleihen.
Diese Verleihung wird registriert beim Astronomischen Recheninstitut in Berlin-Dahlem.
Dort ist auch die "Wisibada" für die Stadt Wiesbaden als ihr eigenster Stern eingetragen.
Ob die "Wisibada" nun ein guter Stern ist, der Wiesbadens Geschichte günstig beeinflußt,
das mögen die Astrologen untersuchen. Wir begnügen uns mit der Feststellung, daß sich
Groß-Wiesbaden bis in den Weltenraum hinein
erstreckt und wir noch Neuland haben für den Fall, daß es uns hier unten zu enge wird. Wie
ist nun der Vorort "Wisibada" - so dürfen wir
ihn doch wohl nennen, beschaffen, wie weit ist er vom Zentrum der Stadt entfernt und wie
kann man zu ihm kommen?
Es handelt sich um einen Stern dreizehnter Größe; mit dem bloßem Auge ist er also nicht zu
sehen. Er ist rund dreihundert Millionen Kilometer von der Wilhelmstraße in Wiesbaden
entfernt.
Ein städtischer Omnibus würde unter der Voraussetzung, daß ihm die Weltraum-Verkehrsschupo
ein Tempo von sechzig Kilometern in der Stunde gestattet, 571 Jahre brauchen, um vom
Kurhaus Wiesbaden auf den Planeten "Wisibada" zu kommen.
Unterwegs müßte ja der Chauffeur einige male abgelöst werden. Da diese Verbindung etwas
langweilig ist, denkt man natürlich ans Flugzeug; aber auch Herrn Röders Luftdroschke würde
bei der Stundengeschwindigkeit von zweihundert Kilometern erst in 171 Jahren auf der
"Wisibada" landen. Dabei kann einer ja alt und grau werden. Gibt es denn gar kein
zweckmäßigeres Verkehrsmittel zwischen Wiesbaden und seiner himmlischen Dependence?
O ja; unser astronomischer Mitarbeiter Dr. K. hat vor einigen Monaten von kleinen
Wandelsternen innerhalb unseres Planetensystems gesprochen, die sich in regelmäßigen
Abständen quer zu den Bahnen der bekannten Planeten schwingen. Nun müßte man genau
berechnen, wann ein solcher Körper der Erde am nächsten ist.
Diese Planeten sind nämlich die gegebene Verbindung mit unserer "Wisibada" und mit den
Sternen überhaupt; sie ermöglichen einen geregelten Pendelverkehr.
Es braucht nur ein Fahrzeug konstruiert zu werden, mit dem man den Bereich der
Anziehungskraft der Erde verlassen kann. Das bietet heute keine großen Schwierigkeiten mehr.
Die Erdatmosphäre können wir ohne Gefahr verlassen, denn wir existieren ja schon lange
ohne Luft, da uns der Steuerfiskus sie abgepreßt hat. Die Reise würde also so vor sich
gehen, daß man auf den Querschläger-Planeten fliegt, wenn er in Erdnähe ist - vielleicht
durch Rakete - und sich mit der ungleich größeren Geschwindigkeit des Weltkörpers in die
Nähe der "Wisibada" tragen läßt. An dem Punkt der größten "Wisibada"-Nähe fliegt man
wieder von dem Weltraumdroschkenplaneten ab, der sich allmählich ja mit allem Komfort
der Neuzeit für die Weltraumreisenden einrichten läßt, und landet glatt auf der "Wisibada".
Natürlich dauert auch diese Reise etliche Jahre. Aber was will das heißen? Es ist noch
gar nicht so lange her, da mußte man auch Jahre lang unterwegs sein, um etwa eine Reise
nach Australien zu machen.
Wenn wir nun auf der "Wisibada" gelandet sind und den Fuß auf den Boden setzten, fühlen
wir uns ganz außerordentlich leicht. Das macht die geringe Masse und damit die geringe
Anziehungskraft des Weltkörpers. Der Durchmesser der "Wisibada" beträgt nämlich
nur annähernd vierzig Kilometer. An einem bereit stehenden Wagen der
"Wisibada" - Autoverkehrs-Gesellschaft steht ein Schild: "Rundfahrt um den Äquator in
einer Stunde". Der Äquator der "Wisibada" mißt nämlich nur hundert Kilometer. Vor Freude,
daß er auf dem neuen Wiesbadener Gebiet ist, macht einer unserer Reisegenossen einen
Luftsprung. Zu unserem Schrecken schießt er in die Höhe und entschwindet fast unseren
Blicken; aber schon kommt er wieder herunter und wippt nur federnd
wie ein Gummiball noch einige male auf und ab. Das ist ganz natürlich:
Mit der selben Kraft, mit der man auf der Erde einen Meter hoch springt, schnellt man auf
der "Wisibada" gleich 100 Meter hoch. Das bewirkt die Verschiedenheit der Anziehungskraft.
Die Regeln für das Fußballspiel müßten auf der "Wisibada" also etwas abgeändert werden.
Da die Entfernung von der Sonne größer ist als auf der Erde, ist es angenehm kühl und
dämmerig. Das Jahr ist etwa viermal so lang wie das Erdenjahr, weil die "Wisibada"
entsprechend mehr Zeit braucht, um die Sonne zu umkreisen. Der Wintersport kann also
ausgiebig betrieben werden. Tag und Nacht wechseln allerdings sehr schnell; der kleine
Himmelskörper dreht sich in einer Stunde ein paar mal um seine Achse. Das ist nichts für
nervöse Leute; aller 10 Minuten wirds Abend und Nacht und wieder Morgen.
Wegen der beschwingten Leichtigkeit, die man hier fühlt, würde sich natürlich die
"Wisibada" ausgezeichnet für den Kurbetrieb eignen. Bei der Vielheit der
"Wisibada"- Tage käme eine ansehnliche Einnahme an Kurtaxe heraus. Es wäre jetzt nur noch
die Frage zu beantworten, ob die "Wisibada" vielleicht Bodenschätze hat, die zum Besten
des Stadtseckels ausgebeutet werden könnten. Von den Kometen lautet bekanntlich eine
Theorie, daß ihr Kern aus
reinem Golde bestehe. Mit der "Wisibada" ist leider nichts zu machen. Der Planet besteht
aus kieseligem Gestein, ähnlich wie unser Mond, der ein ganz ausgepowerter Geselle ist.
Wem Wiesbaden zu laut ist, wer sich über die Politik ärgert, der melde sich für die neue
Randsiedlung auf der "Wisibada"!
J.J.
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